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Mittwoch, 15. Juli 2015

Berufsverbots-Opfer rehabilitieren!

Protest gegen Berufsverbote vor dem Landtag in Hannover, November 2012 - Bildrechte: UZ-Archiv

Am 11. März 2015 beschloss die Delegiertenversammlung der IG-Metall-Verwaltungsstelle Frankfurt am Main einstimmig folgenden Antrag an den 23. ordentlichen Gewerkschaftstag der IG Metall:

Die IG Metall fordert, dass in allen Bundesländern umgehend sämtliche Erlasse und Regelungen aufgehoben werden, die im Zusammenhang mit dem Ministerpräsidentenerlass vom 28. Januar 1972 (sogenannter »Radikalenerlass«) erlassen wurden. Gegenüber den von Berufsverbot Betroffenen ist eine entsprechende Entschuldigung vorzunehmen. Sie sind umfassend zu rehabilitieren und gegebenenfalls zu entschädigen. Der Vorstand wird aufgefordert, entsprechende Schritte bei den Bundesländern und Bundesbehörden einzufordern.

Der sogenannte »Radikalenerlass« wurde 1972 von den Ministerpräsidenten der Länder gemeinsam mit dem Bundeskanzler (Willy Brandt, SPD – Anm. d. Red.) beschlossen. Zur Abwehr von angeblichen »Verfassungsfeinden« sollten »Personen, die nicht die Gewähr bieten, jederzeit für die freiheitlich‐demokratische Grundordnung einzutreten«, aus dem Öffentlichen Dienst ferngehalten bzw. entlassen werden.

Mithilfe der sogenannten »Regelanfrage« wurden etwa 3,5 Millionen Bewerberinnen und Bewerber vom Verfassungsschutz auf ihre politische »Zuverlässigkeit« durchleuchtet. In der Folge kam es zu rund 11.000 Berufsverbots‐ und 2.200 Disziplinarverfahren, 1.250 Ablehnungen von Bewerbungen und 265 Entlassungen.

Tausenden von Lehrerinnen und Lehrern, Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern, Briefträgern, Lokführern und in der Rechtspflege Tätigen wurde auf diese Weise die berufliche Perspektive genommen. Der Erlass diente nicht nur der Einschüchterung von aktiven Linken, sondern führte auch zur Einschränkung von Grundrechten wie der Meinungs‐ und Organisationsfreiheit, zu Duckmäusertum und zur Vernichtung vieler Existenzen. (…)

Ende der 80er Jahre zogen die sozialdemokratisch geführten Bundesländer Konsequenzen aus dem von Willy Brandt später selbst eingeräumten »größten Irrtum« und schafften die Erlasse ab. (…)

Die Berufsverbotepraxis stellt einen Verstoß gegen die »Charta der Grundrechte der Europäischen Union« von 2010 dar. Sie verstößt gegen die EU‐Antidiskriminierungsrichtlinie zur Schaffung eines allgemeinen Rahmens für die Verwirklichung der Gleichbehandlung vom 27.11.2000 ‐ 2000/78/EG und deren deutsche Umsetzung, das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) von 2006. (…)

Mittwoch, 21. November 2012

Auskunftsersuchen in Sachen Verfassungsschutz

Am 16. Oktober 2012 hatte sich Silvia Gingold an das Landesamt für Verfassungsschutz Hessen gewandt und um »Auskunft über die über mich gespeicherten Daten« gebeten:

Sehr geehrte Damen und Herren, in den Jahren 1974 bis 1977 hatte ich ein Berufsverbotsverfahren. Im Zuge dieses Verfahrens wurden auch Erkenntnisse des Verfassungsschutzes verwendet und auf dessen Einschätzungen verwiesen. Ich habe also Anlaß zu der Befürchtung, daß bei Ihrer Behörde Daten über mich gespeichert sind. Da mir durch dieses Verfahren erheblicher Schaden zugefügt wurde, habe ich besonderes Interesse an einer Auskunft über die zu meiner Person gespeicherten Daten.

Deshalb fordere ich Sie auf, mir mitzuteilen, ob über mich bei Ihrer Behörde Daten erhoben wurden und gespeichert sind; wenn ja möchte ich Auskunft darüber, um welche Informationen es sich handelt, aus welcher Quelle diese Informationen stammen, seit wann diese Informationen vorliegen und an wen diese Daten weitergegeben wurden. Bitte nennen Sie mir auch die Rechtsgrundlage dafür, daß Sie Daten über mich speichern.

Antwort

Am 8. November antwortete Dr. Karrenberg »im Auftrag« für das Landesamt für Verfassungs-schutz Hessen auf ein Auskunftsersuchen von Silvia Gingold:

Sehr geehrte Frau Gingold,

(…) Die von mir durchgeführte Überprüfung anhand der von lhnen gemachten personenbezogenen Angaben hat ergeben, daß Sie seit dem Jahre 2009 im Bereich Linksextremismus gespeichert sind.

Es ist hier bekannt, daß Sie am 15. Oktober 2011 im Rahmen der GegenBuchMasse im Themenspektrum Antifaschismus für die Vorstellung der Autobiographie von Peter Gingold als Referentin angekündigt waren. lhr Vortrag war innerhalb der sogenannten »Langen Lesenacht« im autonomen Szenetreff Café Exzess (vgl. Verfassungsschutzbericht 2010, S.134 und 201 1, S. 1 09 f., www.verfassungsschutz.hessen.de) vorgesehen.

Die Anti-Nazi-Koordination initiierte am 28. Januar 2012 eine Demonstration unter dem Motto »staatliche Unterstützung für Nazis beenden – Verfassungsschutz auflösen« in Frankfurt am Main. Sie wurden als Rednerin zum Thema »40 Jahre Berufsverbote in der BRD« angekündigt.

Über die hier genannten lnformationen hinaus vermag ich lhnen keine Auskünfte zu erteilen. Unter Zugrundelegung des Zwecks der Auskunftsregelung des § 18 LfV-Gesetzes muß das von lhnen geltend gemachte Auskunftsinteresse gegenüber dem öffentlichen lnteresse an der Geheimhaltung der Tätigkeit des Landesamtes für Verfassungsschutz Hessen zurücktreten.

Es kann heute nicht mehr festgestellt werden, ob in den Jahren 1974 bis 1977 Daten zu ihrer Person gespeichert waren. Wenn zu diesem Zeitpunkt Datenspeicherungen zu ihrer Person vorgelegen haben, sind diese zwischenzeitlich aufgrund der gesetzlichen Vorschriften gelöscht worden. Die Speicherung personenbezogener Daten erfolgt auf Grundlage des § 6 HLfV-Gesetz. Sie sind zur Aufgabenerfüllung des Landesamtes für Verfassungsschutz gemäß § 2 Abs. 1 HLfV-Gesetz erforderlich. Die Aufgabe des Landesamtes für Verfassungsschutz besteht darin, den zuständigen Stellen zu ermöglichen, rechtzeitig die erforderlichen Maßnahmen zur Abwehr der Gefahren für die freiheitliche demokratische Grundordnung, den Bestand und die Sicherheit des Bundes und der Länder zu treffen.

Nach § 6 Abs. 6 HLfV-Gesetz prüft das Landesamt für Verfassungsschutz spätestens nach fünf Jahren, ob gespeicherte personenbezogene Daten zur Aufgabenerfüllung noch erforderlich sind. Sind sie das nicht, werden diese gelöscht. (…)

Montag, 24. September 2012

Gerhard Bialas - 60 Jahre vom Verfassungsschutz überwacht


Gerhard_Bialas24.09.2012: Landauf, landab wird in diesem Jahr 60 Jahre Baden Württemberg gefeiert. Und in der Tat durch die Hände Arbeit und den Geist von Millionen arbeitenden Menschen wurde vieles erreicht. So wurde Baden Württemberg zu einem der reichsten Regionen in Europa. Die Kehrseite davon. 60 Jahre Baden Württemberg sind auch 60 Jahre Überwachung der kommunistischen Partei, 40 Jahre Berufsverbote und mehr als 60 Jahre Überwachung des Kommunisten Gerhard Bialas, der über 30 Jahre dem Gemeinderat von Tübingen und über 20 Jahre dem Kreistag angehörte. Und die Bespitzelung geht auch unter der grün-roten Landesregierung weiter.
Eine unrühmliche fast unglaubliche Geschichte, die nur begreift wer hinter das System des Kapitalismus, seiner Machenschaften und seiner geschaffenen Macht- und Überwachungsorgane blickt und diese durchschaut. Gerhard Bialas war von 1975 bis 1994 Stadt– und Kreisrat der DKP. Danach als Kommunist für die Tübinger Linke  (TÜL) und für das Wahlbündnis TÜL/PDS bis 2005 im Gemeinderat  und im Kreistag. Er war darüber hinaus bis zu seiner Rente 27 Jahre als Gärtnermeister im botanischen Garten der Universität Tübingen beschäftigt. Viele Jahre gewählter Vertreter der Uni-Beschäftigten im Senat, im Großen Senat und im Personalrat.
Gerhard Bialas zog sich 2005 nach 30 Jahren mit 75 Jahren aus Altersgründen von der gemeinderätlichen Parlamentsarbeit zurück. Nicht aber von der Politik. Nicht von der Arbeit als überzeugter Kommunist und konsequenter Vertreter der Interessen der Tübinger Bevölkerung und der kleinen Leute. Bei Aktionen, in Bürgerinitiativen, Demonstrationen durch Leserbriefe steckt er mit seinen heute 81 Jahren noch immer „den Finger in die Wunde.“ Oder wie er bei seinem damaligen Ausscheiden formulierte „ich werde weitermachen und „manchen weiterhin auf den Wecker gehen, bis es bei ihnen klingelt.“
Für seinen langen ehrenamtlichen Einsatz bekam Gerhard Bialas im Jahr 2002 das Verdienstabzeichen in Silber und 2005 in Gold des Städtetags von Baden Württemberg. Der  Präsident des Städtetages, der Bruchsaler OB Doll (CDU) und dessen Tübinger SPD-Amtskollegin Brigitte Russ-Scherer appellierten an den damaligen Ministerpräsidenten Teufel die Überwachung von Gerhard Bialas zu überdenken, da sich Bialas „stets auf dem Boden des Grundgesetzes, der Landesverfassung und der Gemeindeordnung Baden Württemberg bewegt“ habe. Darüber hinaus erhielt Gerhard Bialas im Jahr 2004 vom Landkreistag Baden Württemberg die Landkreismedaille verliehen und 1993 eine Urkunde, in der die CDU Landesregierung ihm für die „treu geleistete Arbeit Dank und Anerkennung“ ausspricht. Kein Wort also, dass Bialas ein „Verfassungsfeind“ sei, sondern er auf dem Boden des Grundgesetzes und der Landesverfassung agiert, handelt und diese umsetzt. Mehr noch: Gerhard Bialas hat diese gegen alle antidemokratischen Angriffe offensiv verteidigt.
Doch all dieses Lob nutzt ihm nichts. Seiner mehrfach erhobenen Forderung die diskriminierenden Tätigkeiten des Verfassungsschutzes gegen sich und seine Partei die DKP einzustellen, kamen die früheren Landesregierungen der CDU nicht nach. Überwachung und Bespitzelungen gingen und gehen munter weiter. War das von den ehemaligen Nazigrößen und Ministerpräsidenten unseres Landes wie Kurt Georg Kiesinger oder dem fürchterlichen Nazijuristen Hans Filbinger oder ihren Nachfolgern. Sie alle waren auf dem rechten Auge blind. Sie alle hofierten die Rechten und kriminalisierten die Linken.
Durch den Druck einer breiten demokratischen Öffentlichkeit wurde die 57 Jahre anhaltende CDU Herrschaft in Baden Württemberg beendet. Doch nicht nur bei „Stuttgart 21“ macht sich die Koalition von Grünen und SPD, von Kretschmann und Schmid zum Vollstrecker dessen, woran u.a. Mappus scheiterte. Auch was die Bespitzelung und Überwachung von KommunistInnen und DemokratInnen anbelangt macht diese Regierung munter weiter. Es gibt keine Neubewertung der Verfassungsschutz-Überwachung. Auch nicht nach all den systemischen Verfilzungen und Verflechtungen staatlicher Behörden im Zusammenhang mit der Blutspur die die NSU durch die Bundesrepublik zog.

Bialas weiterhin im Visier des „Verfassungsschutzes“
Bialas_Brief_300112Empört darüber wandte sich Gerhard Bialas „nach 40 Jahren Radikalenerlaß“ am 30. Januar, dem 79. Jahrestages der Machtübertragung auf Hitler,  an den Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann (Grüne), mit der Aufforderung, die diskriminierenden Tätigkeiten, Bespitzelung und Überwachung gegen seine Person zu beenden (siehe Anhang). In seinem Schreiben formuliert er u.a.
Er sei nun „80 Jahre alt, davon 60 Jahre bespitzelt, obwohl ich nie straffällig wurde. Der Grund bestehe lediglich darin, dass ich Mitglied der DKP bin.“ Mit seiner Forderung  verbindet Gerhard Bialas die Hoffnung an den Ministerpräsidenten  „nicht … einfach alte Antworten zu geben. Mit dem Ablösen der schwarz-gelben Landesregierung sollte sich auch hier einiges zur Stärkung der Demokratie ändern.“
Doch weit gefehlt: Die neue Landesregierung hat keine neuen Antworten und so bleibt es bei den alten. Es ähneln sich die Antworten an Gerhard Bialas zu seiner weiteren Bespitzelung und Überwachung vor 10 Jahren aus dem Ministerium von Erwin Teufel (CDU)  mit denen aus dem Staatsministerium von Kretschmann heute. Allerdings ein Unterschied gibt es. Gerhard Bialas ist mittlerweile 80 Jahre alt. Und so schreibt die Landesregierung. „Auch der Verweis auf ihr hohes Alter vermag die Beendigung der Beobachtung nicht zu begründen. Entscheidend ist vielmehr, ob Ihrerseits eine aktive Betätigung für verfassungsfeindliche Bestrebungen unterbleibt. Dies ist nicht der Fall. … Ihr Alter findet insofern Berücksichtigung, als das Landesamt für Verfassungsschutz verpflichtet ist, bei Personen über 70 Jahren in kürzeren Abständen als bei jüngeren Personen zu prüfen, ob die Voraussetzungen für eine Beobachtung weiter vorliegen.“
Die Antwort der Landesregierung auf seine Forderung ahnend, formulierte Gerhard in seinem Brief an Kretschmann weiter:  Es ist eine „unglaubliche Anmaßung mir Verfassungsfeindlichkeit zu unterstellen.“ Er habe „ein großes Unbehagen angesichts der Vorkommnisse um V-Leute aus dem Nazispektrum, dass ich als Antifaschist möglicherweise von Leuten bespitzelt und bedroht werde, die zu denen gehören könnten.“ Seine Konsequenz und Forderung daraus an die Landesregierung, sie „solle den „Verfassungsschutz“ auflösen, (der Bund auch) um damit die verfassungsgemäßen Rechte der BürgerInnen zu schützen.“
Anstatt die enormen finanziellen Mittel der Bespitzelung gegen „ihn und andere Linke zu verplempern“ fordert er „diesen Unsinn einzustellen“ und diese Mittel für sinnvolle Aufgaben zu verwenden.
Was die Landesregierung von ihm will, spricht Gerhard ganz offen aus. „Sie wollen, dass ich aus der DKP austrete. Doch den Gefallen werde ich ihnen nicht tun“ sagt er  stolz, selbstbewusst, überzeugend und trotzig „Meine Mitgliedschaft in der DKP endet frühestens mit meinem Tod.“

Text: Dieter Keller

Kommunisten.de 

Donnerstag, 14. Juni 2012

Staatliche Willkür

Opfer der Berufsverbote protestieren heute in Berlin gegen ihnen zugefügtes Unrecht. Gespräche mit Linksfraktion und Grünen im Bundestag. Kanzlerin hat keine Zeit

Von Markus Bernhardt in jungeWelt 14.06.2012

Das dunkle Kapitel der Kommunistenverfolgung in der BRD ist noch immer nicht abgeschlossen. Während etablierte Politik und Medien heutzutage mittels »Extremismusdoktrin« versuchen, Neonazis und ihre entschiedensten Gegner – nämlich Antifaschisten und Linke aller Couleur – gleichzusetzen, ist den Tausenden Opfern der vom SPD-Politiker und früheren Bundeskanzler Willy Brandt eingeführten staatlichen Berufsverbotspraxis bis heute keine Gerechtigkeit widerfahren. Unter dem Vorsitz Brandts hatte die Ministerpräsidentenkonferenz am 28. Januar 1972 den sogenannten Radikalenerlaß beschlossen, um dafür zu sorgen, daß angebliche Verfassungsfeinde aus dem öffentlichen Dienst ferngehalten werden.

Insgesamt etwa 3,5 Millionen Bewerber für den öffentlichen Dienst wurden in den vergangenen 40 Jahren vom Verfassungsschutz durchleuchtet. Es kam insgesamt zu rund 11000 offiziellen Berufsverbotsverfahren, 2200 Disziplinarverfahren, 1250 Ablehnungen von Bewerbungen und 265 Entlassungen. Vor allem Mitglieder der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP), aber auch Aktivisten der Friedens- und Ökologiebewegung sowie Gewerkschafter fielen der antikommunistischen Gesinnungsschnüffelei zum Opfer. Die Betroffenen wurden bis heute nicht rehabilitiert, geschweige denn für das ihnen zuteil gewordene Unrecht entschädigt.

Um auf letzteres aufmerksam zu machen, wird eine Delegation von Berufsverbotsopfern am heutigen Donnerstag versuchen, der in Berlin tagenden Ministerpräsidentenkonferenz eine Protestnote zu überreichen. In der fordern über 250 Opfer des »Radikalenerlasses« ihre Rehabilitierung. Außerdem ist zwischen 15 und 16 Uhr eine Kundgebung vor dem Kanzleramt geplant. Dort soll versucht werden, die gesammelten Unterschriften zur Aufhebung der Berufsverbote zu übergeben. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sieht sich allerdings nicht in der Lage, die Aktivisten zu empfangen, wie Kanzleramtsminister Ronald Pofalla (CDU) der Initiative bereits im Vorfeld mitteilte.

Gesprächsbereit geben sich hingegen die Fraktionen von Bündnis 90/Die Grünen und Linke. Diese haben Vertreter der Initiative zu politischen Gesprächen in den Bundestag eingeladen. Zu Beginn der Zusammenkunft mit der Linksfraktion ist außerdem die Übergabe einer Petition der Initiativgruppe an die Petitionsausschußvorsitzende Kersten Steinke (Linke) geplant.

»Mit dem Kampfbegriff der ›Verfassungsfeindlichkeit‹ wurden mißliebige und systemkritische Organisationen und Personen an den Rand der Legalität gerückt und in der Ausübung von Grundrechten wie der Meinungs- und Organisationsfreiheit behindert«, erinnerte Klaus Lipps, Mitglied der »Initiativgruppe 40 Jahre Radikalenerlaß« und selbst Berufsverbotsopfer, am Mittwoch gegenüber junge Welt. Es gelte daher, dafür Sorge zu tragen, daß das Thema in der öffentlichen Diskussion bleibt. Betroffene der antikommunistischen Willkürmaßnahmen rief der Pädagoge dazu auf, »Einsicht in die bei den Behörden über sie gespeicherten Daten, die bekanntlich in fast allen Fällen die Grundlage für die Berufsverbotsmaßnahmen bildeten, zu verlangen«.

Klaus Lipps wird heute Abend in der jW-Ladengalerie (Torstraße 6 in Berlin-Mitte) zugegen sein, wenn dort ab 19.30 Uhr eine polithistorische Revue unter dem Motto »40 Jahre Radikalenerlaß – ein abgeschlossenes Kapitel im ›Land der Freiheit‹?« stattfindet. Dabei werden mehrere Zeitzeuginnen und Zeitzeugen aus acht Bundesländern über die ihnen zugefügten staatlichen Willkürmaßnahmen berichten, darunter auch Silvia Gingold, Tochter der antifaschistischen Widerstandskämpfer Peter und Etti Gingold.


Dienstag, 10. April 2012

Veranstaltungshinweis: Berufsverbote in der BRD

Vor 40 Jahren sah der Staat wieder einmal rot: Berufsverbote in der BRD
Über 11.000 Berufsverbote, tausende von Disziplinarverfahren, Millionen von Angepassten und Mitläufern sind das Ergebnis des Radikalen-Erlasses vor genau 40 Jahren. Willy Brandts Versprechen, mehr Demokratie zu wagen, wurde ins Gegenteil verkehrt. In Bochum gab es zahlreiche Berufsverbote-Opfer. Auch

heute sollen wieder Linke durch die Bespitzelung des Verfassungsschutzes
mundtot gemacht werden sollen - im Namen von Freiheit und Demokratie.

Eine Veranstaltung der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschisten (VVN-BdA) Bochum.


Freitag, 20. April, 19.30 Uhr
im Kulturzentrum "Bahnhof Langendreer" , Raum 6,
Wallbaumweg 108, 44894 Bochum

Impulsbeitrag: Wolfgang Dominik

Betroffene Berufsverbote-Opfer berichten:
Sigrid Schößler, Reinhard Junge, Reinhard Wegener


Gesprächsleitung: Günter Gleising

Montag, 2. April 2012

Die Politik der Berufsverbote war und ist verfassungswidrig

Eindrucksvolle Veranstaltung der GEW in Göttingen - Hauptvorstand fordert Rehabilitierung
In der Veranstaltung "40 Jahre Radikalenerlass" am 17. 3. in Göttingen bewertete Ulrich Thöne, Vorsitzender der GEW, den neuen Antrag des Hauptvorstandes gegen die Berufsverbote (s. unten) als "überfällig". Er sah in dem Antrag und im Veranstaltungsablauf in der Geschwister-Scholl-Gesamtschule einen "notwendigen Auftakt" auch zur Aufarbeitung der innergewerkschaftlichen Orientierung. Insgesamt solle das Jahr 2012, so Ulrich Thöne, für weitere Veranstaltungen mit "Zeitzeugen" genutzt werden, um auf die Auswirkungen der Berufsverbote aufmerksam zu machen. Nie zuvor seien bei einer Gewerkschaftstagung derart viele vom Berufsverbot Betroffene versammelt gewesen wie bei dieser Veranstaltung, betonte eine Kollegin am Ende der Konferenz. Am 14. Juni soll in Berlin die von mittlerweile 230 Betroffenen unterzeichnete Protestresolution an Bundeskanzlerin Merkel übergeben werden. Im Vorfeld findet am 5. Mai eine zentrale größere Veranstaltung in Frankfurt statt, zu der 200 Teilnehmer/innen erwartet werden. Die Initiative der Betroffenen entwickelte seit Oktober letzten Jahres eine Eigendynamik, wie sie niemand der Initiatoren zu hoffen wagte. In verschiedenen Bundesländern der alten BRD bildeten sich kleine Betroffenen-Gruppen, um das Thema der Berufsverbote in die öffentliche Diskussion zu bringen. Es gelang, das Thema Berufsverbote aus dem Verschweigen, Verdrängen und Vergessen herauszuholen.
In Bremen hat der Senat die Ausführungsbestimmungen des Bundeslandes zum Ministerpräsidentenbeschluss gestrichen und sucht nach einem "ideellen Abschluss" der Berufsverbotspraxis. In Niedersachsen führte ein Antrag der Linkspartei zu einer Landtagsdebatte, die auf die Frage der Rehabilitierung fokussierte. Nun hat der Innenausschuss die Betroffenen der Region zu Stellungnahmen aufgefordert. Im Hessischen Landtag fordert ebenfalls die Partei "Die Linke" die Verurteilung der Berufsverbote als "juristisches, politisches und menschliches Unrecht", die Rehabilitierung und materielle Entschädigung der Betroffenen sowie ein Ende der Bespitzelung und die Abschaffung der Geheimdienste.
Frank Behrens, GEW Bremerhaven, schilderte während der Konferenz am eigenen Beispiel die ungeheuerliche Bespitzelungspraxis und die Willkür der Schulbehörde. Zahlreiche Kollegen/innen ergänzten diese Darstellung mit ihren eigenen düsteren Erfahrungen. Berthold Goergens wies auf den Zusammenhang seines Berufsverbots mit den NATO-Sicherheitskriterien hin, die heute immer noch gelten. Matthias Wietzer betonte die z. T. extreme Renten- bzw. Pensionsbenachteiligung. So beschränke sich sein Pensionsanspruch auf 53,88 Prozent, Hubert Brieden aus Neustadt/Hannover - nie in den Schuldienst übernommen - habe sogar nur mit 540 Euro Rente zu rechnen. Ein Kollege nannte die Auswirkungen der Berufsverbote als ein Beispiel für Altersarmut, die einen gewerkschaftlichen Nothilfefonds nahelege. Zitate aus den Anhörprotokollen demonstrierten die Dimension der staatlich verordneten Gesinnungsschnüffelei. Wer waren die verdeckten Informanten? fragten die Betroffenen. In einem Reader sollen besonders ungeheuerlich anmutende Anhörungssequenzen in Kürze ins Internet auf die Seite www.berufsverbote.de gestellt werden.
Hartmut Tölle, Vorsitzender des DGB-Bezirks Nieder-sachsen/Bremen/Sachsen-Anhalt reflektierte selbstkritisch die Ver-strickung auch der Gewerkschaften in die Berufsverbotspraxis: Der "vernetzte Ungeist" sei in der Republik auch heute aktiv. Er erinnerte an Parteiordnungs- und Parteiausschlussverfahren, die wegen einer Unterschrift gegen die Berufsverbote eingeleitet worden seien. Nicht selten seien den Gewerkschaftsausschlüssen auf der Grundlage des Unvereinbarkeitsbeschlusses die Berufsverbotsverfahren gefolgt. DGB und mit ihr die GEW seien gewerkschaftspolitisch verpflichtet, sich des Themas der Berufsverbote mit neuer Energie anzunehmen.
Die Schauspielerinnen Rosa Jansen und Katharina Schenk, Berlin, komprimierten die Verfolgungsparanoia eindrucksvoll in einer Lesung zu "Gesinnungsschnüffelei und Hexenjagd".
Eine zeithistorische Einordnung lieferte Prof. Dr. Wolfgang Wippermann von der FU Berlin. Die Berufsverbote seien Teil einer nicht bewältigten Zeitgeschichte der BRD und des DGB. Es sei nach 1989 eine Ausdehnung der Praxis auf Bürger/innen der ehemaligen DDR erfolgt. In der Politik kursiere bereits der Slogan, alle Bürger/innen sollten "gegauckt" werden. Kritisch setzte sich Wippermann mit Totalitarismus- und Extremismus-Theorien auseinander und bezeichnete sie als pure Ideologie ohne empirische Beweisbarkeit. Sie seien wissenschaftlicher "Schwachsinn". Berufsverbote verbieten die Radikalität des Denkens, seien mithin extrem antidemokratisch. Demokratie und Freiheit schütze man nicht, indem man sie einschränkt.
Ulrich Thöne versprach in seinem Schlusswort, die Diskussion im DGB voranzutreiben: "Die heutige Veranstaltung ist ein Anfangs-, kein Endpunkt ... Wir bleiben dran!" Ein Schritt in die richtige Richtung sei der beschlossene Antrag des GEW-Hauptvorstandes.
Uwe Koopmann, Udo Paulus

Dienstag, 27. März 2012

»Vor dem Verfassungsschutz muß die Verfassung geschützt werden«

Peter Gingold und Silvia auf dem Mannheimer Parteitag der DKP, 1978


Gespräch mit Silvia Gingold. 
Über Berufsverbote, 
die antikommunistische BRD-Staatsdoktrin, 
die Verfolgung von antifaschistischen Widerstandskämpfern
Interview: Markus Bernhardt  -
Junge Welt 26.01.2012

Silvia Gingold lebt in Kassel. Sie ist Tochter der Widerstandskämpfer Ettie und Peter Gingold. 1975 erhielt sie wegen Mitgliedschaft in der DKP Berufsverbot. 1976 kam es zur Wiedereinstellung als Angestellte aufgrund starken öffentlichen Drucks. Silvia Gingold ist heute im Kasseler Friedensforum und in der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten (VVN-BdA) aktiv.

An diesem Sonnabend jährt sich zum 40. Mal die Sitzung, auf der die bundesdeutschen Ministerpräsidenten unter Vorsitz des damaligen Kanzlers Willy Brandt (SPD) den sogenannten Radikalenerlaß verabschiedeten. Welche Erinnerungen weckt dieses Datum bei Ihnen als Betroffener von Berufsverboten?
In Vorbereitung auf diesen Jahrestag habe ich meine 22 Ordner aus dieser Zeit durchforstet, diese Zeit gedanklich noch einmal durchlebt, und dabei ist mir wieder das ganze Ausmaß der Gesinnungsschnüffelei vor Augen geführt geworden. 3,5 Millionen Dossiers legte der Verfassungsschutz an, gefüllt mit »Erkenntnissen« über Bürger, die sich politisch engagierten. Der sogenannte Radikalenerlaß lieferte die Grundlage dafür, daß Bewerber für den öffentlichen Dienst, die »verfassungsfeindliche« Aktivitäten entwickelten oder einer Organisation angehörten, die »verfassungsfeindliche Ziele verfolgt«, abgelehnt wurden, weil sie »Zweifel begründen, ob sie jederzeit für die freiheitliche demokratische Grundordnung eintreten«. In der Ausübung ihrer demokratischen Rechte wurden sie bespitzelt, überprüft, ihnen wurden Fragen gestellt wie: »Streben Sie den Sozialismus an?« »Wie stehen Sie zum Eigentum«? »Teilen Sie Aussagen, Ziele und Programm der DKP?« – Ich könnte Seiten füllen mit Zitaten aus diesen Verhören. Mir selbst legte man »Erkenntnisse« des Verfassungsschutzes vor, die dieser seit meinem 17. Lebensjahr in akribischer Fleißarbeit gesammelt hatte, darunter beispielsweise, wo und wann ich an Demonstrationen gegen den Krieg in Vietnam, an Flugblattaktionen, an Diskussionsveranstaltungen sozialistischer und kommunistischer Organisationen, an Reisen in die DDR etc. teilgenommen hatte.
Die Gesinnungsschnüffelei ging in vielen anderen Fällen bis in die Privatsphäre der Betroffenen. So wurde ihnen beispielsweise vorgehalten, in einer Wohngemeinschaft mit Kommunisten zu leben oder in einer linken Kneipe zu verkehren. Betroffen waren Lehrerinnen und Lehrer an Schulen und Hochschulen, Juristinnen und Juristen, Beschäftigte im Sozial- und Gesundheitswesen, Postbedienstete und sogar ein Lokführer. Es waren Mitglieder und Sympathisanten der DKP, der SDAJ, Kriegsdienstverweigerer, Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter, Jungsozialisten und Aktivisten der Friedensbewegung.  
Wie erklären Sie sich im nachhinein, daß ausgerechnet ein Sozialdemokrat wie Willy Brandt, der selbst von den Nazis verfolgt wurde, gegen die entschiedensten Gegner der Faschisten – nämlich die Kommunisten – vorging?
Mit der Verschärfung der ökonomischen Krise Anfang der 70er Jahre, dem Anwachsen der Arbeitslosigkeit, der Verschlechterung der Lebens- und Arbeitsbedingungen eines großen Teils der Bevölkerung, verschärften sich auch die sozialen Auseinandersetzungen. Streikbewegungen in Betrieben, Proteste gegen Sozialabbau nahmen zu, beflügelt durch die vorausgegangene 68er Bewegung, die gegen den Krieg in Vietnam, gegen die Notstandsgesetzgebung, gegen Demokratieabbau und das Wiedererstarken alter und neuer Nazis aufbegehrte. Die immer stärker zutage tretenden Widersprüche des kapitalistischen Systems lösten bei vielen Menschen Fragen nach gesellschaftlichen Alternativen aus. Marxistische, sozialistische Ideen und Organisationen wie die DKP bekamen stärkeren Zulauf. Dieser für die Regierenden bedrohlichen Entwicklung sollte ein Riegel vorgeschoben werden. Der Radikalenerlaß diente als Disziplinierungsmittel, sollte die Menschen zu angepaßtem Verhalten zwingen, zum Duckmäusertum. Demokratisches Engagement sollte zum persönlichen Wagnis werden, ein Klima der Angst und Einschüchterung politisches Engagement verhindern.
Wie vergiftet das Klima war, zeigte sich für mich in erschütternder Weise nach meinem Berufsverbot, als ich auf Druck der Öffentlichkeit an einer Schule in einer nordhessischen Kleinstadt wieder eingestellt werden sollte. Die örtliche CDU entfachte eine Hetzkampagne, noch bevor ich eine einzige Unterrichtsstunde gehalten hatte. »Gingold nicht tragbar!«, »Wir wollen nicht, daß unsere Kinder von einer Kommunistin erzogen werden«, lauteten die Schlagzeilen der Presse. Einige durch die hysterische Berichterstattung aufgeschreckte Eltern drohten, ihre Kinder von der Schule abzumelden, sollte ich dort unterrichten. Man begegnete mir mit Mißtrauen und Skepsis. Ein Wohnungsvermieter im benachbarten Ort machte aus »Angst vor Schwierigkeiten« – wie er offen bekannte – die zugesagte Vermietung wieder rückgängig. Die CDU gab ein Wahlkampfmaterial in Form eines Würfelspiels heraus. Kam der Spieler auf dem Ort meiner Schule zu stehen, lautete die Spielanleitung: »Kommunistische Lehrerin erzieht Kinder in der Schule. Radikale gehören nicht in den öffentlichen Dienst. Spieler schreibt Brief an Kultusminister und setzt einmal aus.«  
Sie sind die Tochter der antifaschistischen Widerstandskämpfer und engagierten Kommunisten Ettie und Peter Gingold. Beide wurden wegen ihres Engagements ausgegrenzt und verfolgt. Wie hat sich das auf Ihre Familie ausgewirkt? Wie erklären Sie sich, daß Ihre Eltern sich nie von der Verfolgung, die sie zeitlebens begleitete, haben brechen lassen, sondern ihren Weg erhobenen Hauptes fortsetzten?
Ich bin im Geist des Widerstandes aufgewachsen, Unrecht nicht hinzunehmen, sondern sich aktiv dagegen zu wehren. In unserer Familie wurde viel über die Zeit in der Emigration und den Widerstand gesprochen. Diese Erfahrungen verstärkten unser Zusammengehörigkeitsgefühl. Schon sehr früh habe ich gelernt, was es bedeutet, verfolgt und ausgegrenzt zu werden. Ich war zehn Jahre alt, als am Tag des Verbots der KPD im August 1956 die Polizei unsere Wohnung nach kommunistischem Material durchwühlte und mein Vater nach der Nazizeit ein zweites Mal in die Illegalität, untertauchen mußte. Und ich habe erlebt, wie uns jahrelang aus politischen Gründen die deutsche Staatsangehörigkeit verweigert wurde – wir waren aufgrund der polnischen Herkunft meiner Großeltern staatenlos. Die Öffentlichkeit reagierte empört darauf, daß Widerstandskämpfer, die in Frankreich hoch geachtet waren, die gezeigt hatten, daß es auch andere Deutsche als die Nazis gab, es nun nicht wert sein sollten, als Deutsche eingebürgert zu werden. Unter diesem öffentlichen Druck erlangten wir schließlich 1974 die deutsche Staatsangehörigkeit. Und dann bekam ich 1975 Berufsverbot.

All diese Erfahrungen führten nicht zur Resignation, sondern stärkten uns eher. Im Widerstand waren meine Eltern eingebettet in ein breites Netz der Solidarität französischer und deutscher Antifaschisten. Dieser Solidarität verdanken sie, daß meine während der deutschen Besatzung in Paris geborene Schwester vor den Nazis versteckt werden und überleben konnte. Dieser Solidarität verdanken sie ihr eigenes und das Überleben vieler anderer Menschen. Diese Solidarität prägte und bestärkte sie, den Kampf für Demokratie und Menschlichkeit nie aufzugeben.  
Wie empfanden Sie die Anwendung des Radikalenerlasses in Ihrem Fall?
Auf dem Hintergrund unserer Geschichte waren meine Familie und ich natürlich besonders aufgebracht. Nachdem meine jüdischen Großeltern vor den Nazis fliehen mußten, meine Eltern im Kampf gegen die Hitlerfaschisten ihr Leben riskierten, eine Schwester und ein Bruder meines Vaters in den Gaskammern von Auschwitz ermordet wurden, war ich nun in dritter Generation Diskriminierungen ausgesetzt. Der Hessische Verwaltungsgerichtshof stempelte mich in seinem Urteil ausschließlich aufgrund meiner Mitgliedschaft und Aktivitäten in der DKP zur »Verfassungsfeindin«.
Diese skandalösen Tatsachen waren es, die in der Öffentlichkeit eine Welle der Empörung und der Solidarität auslösten. Der Theologieprofessor Hans-Werner Bartsch schrieb damals dazu: »An die Stelle der Zugehörigkeit zur jüdischen Rasse ist die Zugehörigkeit zur DKP getreten. An die Stelle des (fehlenden) Ariernachweises ist das (falsche) Parteibuch getreten. Und an die Stelle des gelben Sternes wird die öffentliche Kennzeichnung von Kommunisten treten, wenn wir nicht rechtzeitig der Entwicklung Einhalt gebieten.«
Unzählige Briefe von Schülerinnen und Schülern, Kolleginnen und Kollegen, Gewerkschaftern, Künstlern, Schriftstellern, Sozialdemokraten und vielen, vielen anderen Menschen aus unserem Land und dem europäischen Ausland sowie öffentliche Proteste und Demonstrationen gaben mir Mut und Kraft. Diese Solidarität hat schließlich auch dazu beigetragen, daß ich – trotz dieses Gerichtsurteils wieder eingestellt werden mußte, wie auch viele andere Betroffene .  
Die Bundesrepublik wurde maßgeblich von alten Nazischergen mit aufgebaut, die sich in der BRD weiterhin bzw. erneut in Amt und Würden wiederfanden. Haben Sie vor diesem Hintergrund und aufgrund der Verfolgung Ihrer Familie niemals Haß empfunden?
Haß ist nicht das richtige Wort, denn Haß lähmt. Es ist eher die Wut darüber, daß der antikommunistische Geist dieser braunen Vergangenheit durch die Besetzung hoher Ämter der Bundesrepublik mit alten Nazifunktionären hinübergerettet wurde und dieses Land heute immer noch dadurch geprägt ist. Die Wut darüber findet nicht nur bei mir, sondern hunderttausendfach ihren Ausdruck in den vielfältigsten Aktivitäten gegen die Nazis, die sicherlich auch im Februar in Dresden sichtbar wird, wenn wieder Tausende Nazigegner den geplanten Aufmarschsversuch der Nazis stoppen werden.  
Wie erklären Sie sich, daß die massive staatliche Repression gegen Kommunisten, aber auch Pazifisten und andere Linke heutzutage nur selten eine Rolle spielt?
Im Geschichtsbewußtsein vieler europäi­scher Völker leben die Résistance und das Wissen über die unbeschreiblichen Opfer der Kommunisten als die Haupt­organisatoren des Widerstands weiter. Daß Kommunisten in Frankreich aus dem Staatsdienst geworfen worden wären, war und ist undenkbar. Anders bei uns. Der 8.Mai galt in der Bundesrepublik lange als Tag der Niederlage, zu der die Kommunisten im Bewußtsein vieler beigetragen haben. Sie galten als Vaterlandsverräter, die gegen Deutschland kämpften. Dieser tief verwurzelte Antikommunismus, der nahtlos zur Staatsdoktrin der Bundesrepublik gemacht und durch die Massenmedien in den Köpfen auch der nachfolgenden Generation weiter verankert wurde, hat aus den »Volksfeinden« von damals »Verfassungsfeinde« von heute gemacht. Deshalb können jetzt jene, die in der kommunistischen und antifaschistischen Tradition dieser Widerstandskämpfer stehen, diskriminiert und Strafverfolgungen ausgesetzt werden, ohne daß es zu einem massenhaften Aufschrei in der Bevölkerung käme. Aktuellen Enthüllungen zufolge wurden der Terror und die bisher bekanntgewordenen zehn Morde des neofaschistischen Netzwerkes »Nationalsozialistischer Untergrund«, NSU, unter den Augen der bundesdeutschen Geheimdienste begangen. Ohne das Geld, welches die Spitzelbehörden über ihr V-Leute-System in Neonazizellen wie den »Thüringer Heimatschutz«, THS, pumpten, hätten diese wahrscheinlich gar nicht existiert. Wie wirken die scheibchenweisen Veröffentlichungen zu den der Geheimdienstverstrickungen in die militanten braunen Netzwerke vor dem Hintergrund der Überwachung Ihrer Person auf Sie?
Es ist ein Skandal, daß dieser Verfassungsschutz, durch dessen Bespitzelung in den 70er Jahren die beruflichen Perspektiven und Existenzen vieler engagierter Demokraten zerstört wurden, daß dieser heute Telefondaten von Nazigegnern speichert und Antifaschisten Strafverfolgungen aussetzt, daß er Linksparteiabgeordnete unter Beobachtung stellt, während Neonazis morden und in vielen Städten aufmarschieren können. Angesichts der Tatsache, daß dieses Bundesamt für Verfassungsschutz frühere Mitarbeiter von SS und Gestapo beschäftigte und sich deren Erfahrungen aus der Nazizeit zunutze machte, ist es nicht verwunderlich, daß es diesen braunen Geist atmet. Vor diesem sogenannten Verfassungsschutz, der rassistische und menschenverachtende Taten begünstigt, muß die Verfassung geschützt werden.
Welche Strategie im Kampf gegen die Neonazis würden Sie vorschlagen?
Die Blockaden, die ein Aufmarschieren der Nazis in den letzten beiden Jahre in Dresden verhindern konnten, sind ein gutes Beispiel dafür, daß nur durch massenhafte Proteste und Gegenwehr die Nazis gestoppt werden können. In vielen Städten haben sich Bündnisse gegen rechts gebildet, an denen sich vor allem viele junge Menschen beteiligen. In meiner Stadt Kassel gab es am Ende des letzten Jahres beeindruckende Menschenketten und Demonstrationen gegen Nazi-Aktivitäten, die die Öffentlichkeit gegen neofaschistische Umtriebe sensibilisierten. Die Verstärkung solcher Aktionen muß dazu führen, den Nazis keinen Fußbreit für ihre Aktivitäten zu überlassen. Dabei dürfen wir uns nicht in »gute« und »böse« Antifaschisten spalten lassen, denn dies schwächt das gemeinsame Handeln gegen die Nazis. Dazu schrieb mein Vater in seinen Erinnerungen: »Die Faschisten sind nicht an die Macht gekommen, weil sie stärker waren als ihre Gegner, sondern weil wir uns nicht rechtzeitig zusammengefunden haben. 1933 wäre verhindert worden, wenn alle Hitlergegner die Einheitsfront geschaffen hätten.« Aus diesen Erfahrungen gilt es zu lernen.  
Aktuell wird viel über einen neuen Anlauf in Sachen NPD-Verbot diskutiert. Birgt ein neues Verbotsverfahren nicht auch die Gefahr, daß es zu noch stärkerer Verfolgung linker Kräfte 
kommen könnte? Schließlich wurde kürzlich von CSU-Spitzenpolitikern das Verbot der Linkspartei gefordert…
Würde man aus dieser Befürchtung heraus auf die Forderung, die NPD zu verbieten, verzichten, arbeitete man der unsäglichen Gleichsetzung sogenannter Extremisten in die Hände. Bespitzelungen, Strafverfolgungen und Verbotsdrohungen gegen die Linkspartei und andere demokratische Organisationen dienen – wie die Berufsverbote der 70er Jahre – als Instrument, jede Alternative zu den bestehenden gesellschaftlichen Verhältnissen zu diffamieren, zu kriminalisieren und soziale, demokratische und Friedensbewegungen zu spalten und zu schwächen. Die breite Protestbewegung gegen die Berufsverbote, die getragen war von Menschen aus Gewerkschaften, Betrieben, von Sozialdemokraten, Liberalen, von Menschen aus Kunst, Wissenschaft und der Kirche, forderte damals massenhaft die demokratischen Rechte für Kommunisten ein, solidarisierte sich mit den Betroffenen, auch wenn viele weltanschaulich nicht mit ihnen übereinstimmten.
Dies führte immerhin dazu, daß Willy Brandt den Radikalenerlaß als Irrtum eingestehen mußte und daß die Berufsverbotspraxis in einigen Bundesländern eingestellt wurde.
Deshalb ist es auch heute eine Frage des politischen Kräfteverhältnisses, inwieweit es gelingt, im einheitlichen Handeln die Bewegung gegen die die grundgesetzwidrigen Aktivitäten der Neonazis und gegen die Kriminalisierung der linken und antifaschistischen Kräfte zu stärken, um Repressionen gegen Demokraten zu verhindern.  
Mittlerweile lebt das Gros der Nazigegner, die sich früher im Widerstand gegen das faschistische Deutschland engagierten, nicht mehr. Wie kann ihr Wirken am Leben gehalten werden?
Die wichtige Zeitzeugenarbeit, durch die heutige Generationen in Schulen, Jugendorganisationen, Gewerkschaften und vielen anderen Verbänden die unmittelbaren Erfahrungen der Widerstandskämpfer kennenlernen konnten und die oftmals einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen haben, kann so leider nicht mehr stattfinden. Es ist nun die Aufgabe der nachfolgenden Generation, der Töchter und Söhne der Zeitzeugen und aller, die die Widerstandskämpfer kennen- und schätzengelernt haben, deren Erfahrungen weiterzugeben. Dabei sind die schriftlich dokumentierten Erlebnisse vieler Widerstandskämpfer hilfreich und von unschätzbarem Wert. So konnten beispielsweise in zahlreichen Lesungen aus dem Buch meines Vaters, in dem er seine Erinnerungen festgehalten hat, viele Menschen erreicht und bewegt werden.